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Bundesarbeitsgemeinschaft der
Mitarbeitervertretungen
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BAG-Info |
Eine Tagung der Kommende Dortmund in
Kooperation mit dem Herausgeberkreis "Studien zur christlichen
Gesellschaftsethik"
Der ökonomische Druck auf die Anbieter sozialer Dienste bei
Kirche, Caritas und Diakonie nimmt zu. Einerseits wachsen die
angebotenen Möglichkeiten der medizinischen und pflegerischen,
erzieherischen und beratenden Dienstleistungen; zugleich wachsen auch
Bedarf und Nachfrage. Andererseits wurden die finanziellen
Transferleistungen für diesen Bereich "gedeckelt" oder
zurückgefahren; gleichzeitig steigt in gewinnträchtigen
Teilbereichen die Zahl privater (Billig-) Anbieter. Es entsteht eine
doppelt verschärfte Konkurrenzsituation.
Dieser Ausgangspunkt führte rund 50 Teilnehmerinnen und
Teilnehmer aus Wissenschaft, Einrichtungsleitung und
Mitarbeitervertretung zu einer inhaltlich dichten Tagung mit
verschiedenen Betrachtungsebenen in die Kommende nach Dortmund
zusammen.
Für den Veranstalter zeichnete zu Beginn
Norbert Zöller das Bild der Reduktion der Frage nach der Zukunft
kirchlich-caritativer Betriebe auf eine zunächst rein
innerkirchliche Spar-Diskussion. Die Lösung werde oft in einem
mehr oder weniger pragmatischen Reagieren auf die Veränderungen
der finanziellen Rahmenbedingungen kirchlich caritativer
Institutionen mit dem Neoliberalismus gesehen. Der Sozialstaat, die
öffentliche Hand wie auch die intermediären Anbieter
öffentlicher Güter verbrauchten zuviel; durch fehlende
Zielführung, bürokratische Hemmnisse seien die Dienste
ineffizient, teuer, rationalisierungs- flexibilisierungs- und
innovationsfeindlich. Tarifverträge, Mitarbeiterbeteiligungs-
und Konsenszwänge hemmten Effizienz und
Kostensenkungsbemühungen und verhinderten notwendige
Flexibilisierung und Deregulierung als Motoren des produktiven
Wettbewerbs und der internen Innovationsbereitschaft.
Öffentliche Güter wie soziale Dienstleistungen seien nach
diesem Ansatz in der Hauptsache Waren wie jede anderen; ihre
marktmäßige Bereitstellung sei einer öffentlichen
prinzipiell überlegen.
Für Zöller engten die unreflektierte Hinnahme dieser
marktradikalen Voraussetzungen für die kirchlich-caritativen
Verbände sowohl die sozialpolitische Diskussions- und
Widerspruchsfähigkeit, die innerbetrieblichen Möglichkeiten
der Kooperation und des Interessensausgleichs als auch die
Erfüllung ihrer Aufgaben nach ihren eigenen
christlich-caritativen Grundsätzen ein.
Die Inszenierung neoliberaler
Modernisierungskonzepte als Leitbilder gesellschaftlicher Wohlfahrt
für das 21. Jahrhundert
In einer kritischen Analyse befasste
sich in der Folge Prof. Dr. Rudolf Hickel, Universität Bremen
mit der Restrukturierungs- und Innovationsdiskussion innerhalb der
(Wohlfahrts-) Ökonomie.
Das herrschende, übermächtige Paradigma unserer Zeit sei
der Neoliberalismus. Dieses Paradigma sei zukunftsbelastend und
trüge zum Werteverfall der Gesellschaft bei. Es finde ein
tiefgreifender Umbruch in der Gesellschaft statt, die Gleichsetzung
des Begriffs der Modernisierung mit neoliberalistischen Strukturen
sei als Trend auch in der Regierungspolitik erkennbar.
Für Prof. Hickel ist der Neoliberalismus zutiefst unchristlich.
Märkte trügen sehr starke Zerstörungstendenzen in sich
und müssten deshalb politisch gestaltet werden. Das beinhalte
die konjunkturelle ebenso wie ökologische Gestaltung.
Der Neoliberalismus in Deutschland beinhalte die totale Ausrichtung
der Gesellschaft an den Marktsystemen; er gehe davon aus, dass immer,
wenn es in der Gesellschaft Probleme gebe, zu wenig Markt stattfinde.
Märkte zu deregulieren führe nach dieser Theorie immer zur
Selbstoptimierung des Systems.
Neoliberalismus und Neoklassik unterstellten die individuelle
Entscheidungsmöglichkeit pro oder contra Arbeit, Markt reguliere
sich durch die Lohnhöhe selbst. Arbeitslosigkeit sei freiwillig,
denn wenn der Lohn zu hoch sei, habe jeder die Möglichkeit,
durch Lohnverzicht den Arbeitsplatz zu erhalten.
Für Prof. Hickel stimmt dieses System jedoch nicht mit
gesellschaftlicher Realität überein. Güter und
Dienstleistungsmärkte seien nicht auf den
Produktions-Arbeitsmarkt übertragbar. Für die große
Mehrheit der Menschen sei eine Entscheidungssouveränität
nicht gegeben, sondern es bestünde eine Abhängigkeit von
vorhandenen Arbeitsplätzen. Wer mehr Entscheidungsfreiheit
wolle, müsse gestaltend politisch regulieren. Regulierung im
christlich-ethischen Sinne bedeute Schutz für die Mitarbeiter.
Der Neoliberalismus dagegen reduziere menschliches Interesse und
Verhalten auf ein theoretisches Muster zu Nutzenmaximierung.
Der Neoliberalismus trägt Selbstzerstörungspotentiale in
sich, argumentierte Prof. Hickel weiter: Das Marktsystem führe
zu Konzentration von Abhängigkeit und Macht, es erzeuge soziale
Ungerechtigkeit aus sich heraus und führe zur sozialer
Polarisierung.
Die Lösung des Problems könne eine
politische Austarierung leisten; dazu sei die Stärkung des
öffentlichen Sektors nötig. Die Kirchen müssten den
Gegensatz von privatem Reichtum / und öffentlicher Armut
herausstellen und aus ihrem Verständnis heraus gegensteuern. Das
Opportunitätsprimat führe zur Zerstörung von
Gesellschaftlichkeit und sozialen Beziehungen; dies bilde derzeit die
größte Bedrohung der Gesellschaft. Nach Prof. Hickel hat
Staat als Regulator versagt und damit zur Machtfestigung zum Zerfall
Neoliberalismus beigetragen. Er entwickelte in der Folge die
Alternative Vision nachhaltiger Wirtschaftsentwicklung unter
Einbeziehung der Regeln des Marktes.
Ethisch verantwortetes Wirtschaften sei nötig, die Einbeziehung
der Ökologie führe zum Neuumgang zwischen Mensch und
Schöpfung als Zukunftsperspektive. Das Generationenproblem
führe zu einer neuen Form des Klassenkampfes; ein
intergenerativer Nutzen- Lastenausgleich könne hier
gegensteuern.
Weiterhin müsse die Internationale Dimension berücksichtigt
werden; dies mache eine Festlegung sozial-ökologischer
Mindeststandards nötig. Die Regulierung des Arbeitsmarktes sei
dringend geboten, da der Neoliberalismus zutiefst antichristlich
sei.
Auswirkungen der
Restrukturierungs- und Innovationsdiskussion innerhalb der
(Wohlfahrts-) Ökonomie im kirchlichen Raum
Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach widmete
sich im Anschluss den Auswirkungen dieser Restrukturierungs- und
Innovationsdiskussion im kirchlichen Raum.
Er sprach dabei von einer Ökonomisierung der Dienstgemeinschaft,
die sich in sozio-ökonomischen Herausforderungen
äußere.
Der schlanke Staat übe Druck auf kirchliche Einrichtungen durch
Deckelung von Sozialausgaben und fordere eine private Vorsorge. Durch
die Privatisierungspolitik des Staates seien im Dritten Sektor
Märkte entstanden, caritative Einrichtungen spürten
verstärkt die Konkurrenz mit privaten Anbietern. Output
orientierte Steuerungsmodelle bedingten Steigerung von Effizienz,
Verdichtung von Arbeit sowie Kostensenkung und forderten neue
Managementkonzepte.
Die Deutsche Einigung hätten zu einer Transferökonomie
geführt, die Wohlfahrtseinrichtungen trotz mangelnder Akzeptanz
durch die Bevölkerung privilegiert hätten. Durch die
europäische Integration, drängten von außen Anbieter
auf den Markt, nationale Einrichtungen hätten jedoch keine
Möglichkeiten, sich auf diese Märkten zu bewegen. Auf
europäischer Ebene herrsche Marktrecht, nicht
Sozialrecht.
In einem zweiten Schritt seines Vortrags
beleuchtete Prof. Hengsbach die Auswirkungen dieser Diskussion auf
die Dienstgemeinschaft. Er stellte dabei die Erosion der
Einheitlichkeit der Dienstgemeinschaft fest, die in verschiedenen
Bereichen sichtbar würden.
Zunächst die arbeitsrechtliche Differenzierung zwischen
verfasster Kirche und der Caritas;
die Öffnungsklauseln in den AVR im materiellen Bereich
führten zum Verlust des BAT als Lohnleitwährung und in
Konsequenz zu einem Verlust der Dienstgemeinschaft.
Die Konzernbildung und der Übergang in private Rechtsformen
ließen ebenfalls die Einheitlichkeit platzen.
Es würden sich derzeit eine Arbeitgeber-Koalition im caritativen
Bereich bilden, ohne dass auf der Mitarbeiterseite entsprechende
Strukturen gebildet seien.
Weitere Auswirkung sei in Konsequenz das
Verdunsten der Kirchenautonomie; industrielle Rationalisierungsformen
führten zwar zu steigender Effizienz nach industriellem Vorbild
und zu Produktivitätssteigerung, im Dienstleistungsbereich
käme jedoch dabei der Mensch immer kürzer.
Die Abkoppelung vom BAT mache eigenes Handeln nötig; bislang
habe man gut von dem gelebt, was andere paritätisch verhandelt
hätten, die kirchlichen Gremien hätten abgeschrieben. Unter
diesen Voraussetzungen werde bei einer Abkoppelung die bisherige
Geschäftsgrundlage für die Mitarbeiterseite in steigendem
Masse fragwürdig, da ein Interessensausgleich nicht mehr
vorhanden sei. Die Verlagerung der "Tarifautonomie" in kirchlichen
Einrichtungen auf die Betriebsebene sei höchst gefährlich,
da aus der traditionellen Entwicklung des kirchlichen Arbeitsrechts
heraus die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf diese Anforderungen
nicht vorbereitet seien; sie bildeten somit eine Gefahr für den
innerbetrieblichen Frieden.
In einer abschließenden sozialethischen
Reflexion formulierte Prof. Hengsbach vier Aufgaben für die
Kirche:
Eine Ethik personennaher Dienste durch direkte Kooperation zwischen
Kunden und Anbieter.
Eine Ethik der Dienstgemeinschaft durch die Einbettung
religiösen und sozialen Engagements in die eigene
Identität.
Eine Ethik der Kirchenautonomie, Art. 140 GG sei anachronistisch in
der pluralen Gesellschaft.
Eine Ethik der Tarifautonomie – in den kirchlichen Gremien sei keine
Parität vorhanden, die Tarifautonomie habe ausgleichende
Funktion zwischen den Interessen.
Thema "Neoliberale
Dienstleistungsreform und die Modernisierung kirchlicher Caritas"
Der zweite Tag der Tagung
beschäftigte sich mit dem Thema "Neoliberale
Dienstleistungsreform und die Modernisierung kirchlicher Caritas"
Prof. Dr. med. Rainer Müller von der Universität Bremen
entdeckte Widersprüche zwischen gesundheitswissenschaftlichen
Erkenntnissen und politischer Spardiskussion. Im Gegensatz zum System
des "public health" im angelsächsischen Bereich bestehe bei uns
ein individueller Gesundheitsanspruch.
Er setzte sich mit dem Begriff der Kostenexplosion im
Gesundheitswesen auseinander und bezeichnete diesen Begriff als
Erfindung, um eine ideologische Diskussion über das Sozialsystem
anzuregen. 1984 – 1999 seien rund 10 % des Bruttosozialprodukts
für die gesamte medizinische Versorgung ausgegeben worden, in
diesem Zeitraum zwar ansteigend, aber nicht in Form einer
Kostenexplosion. Die Verringerung der Zahl Beitragszahler im Bereich
der gesetzlichen Krankenkassen habe Beitragserhöhungen zur Folge
gehabt; eine Dramatik in der Gesamtschau des
Sozialversicherungs-Beitragsanstieg im Zusammenhang der Standortfrage
Deutschland sei jedoch nicht gegeben.
Die Ausgaben könnten sogar noch steigen, nicht zuletzt auch
unter beschäftigungspolitischen Aspekten; auch eine "sprechende
Medizin" in Form einer verbesserten Kommunikation von Behandler und
Patient könne sich vielleicht sogar kostensparend auswirken.
Auch durch demographische Entwicklung erfolge kein dramatischer
Kostenanstieg, die Frage sei vielmehr, wann Kosten entstünden.
Nicht das Alter sei nach entsprechenden Untersuchungen
kostentreibend, sondern die Nähe zum Tod; 28 % der gesamten
Kosten pro Person entstünden im letzten Jahr vor dem Tod.
Prof. Müller beklagte die fehlende Transparenz der
Gesundheitsentwicklung. Für die Beurteilung einer Spardiskussion
seien Verteilungsfragen auf eine bestimmte Inanspruchnahme
medizinischer Leistungen wichtig. Es sei nicht gesichert, dass
medizinisch / technischer Fortschritt in der Restrukturierung des
Lebens kostentreibend wirke.
Die Frage von Versorgung / Überversorgung / Unterversorgung sei
kein Wissensproblem, sondern ein Organisationsproblem, das eine
Optimierung der Schnittstellenproblematik zwischen allen an der
Interaktion Beteiligten verlange. Die Selbstbeteiligung an Kosten ,
also die Privatisierung von Kosten in erheblichem Anteil durch
private Haushalte, führe ebenso zu Reserven wie das Thema
Rationierung versus Rationalisierung im Bereich der Arzneimittel –
hier bestünden ebenfalls noch große Umverteilungsreserven.
Die Stärkung von Prävention, Rehabilitation und
Bewusstseinsschaffung für eine Lebensstiländerung biete ein
großes Einsparpotential im Vergleich zur Medikation des
Patienten.
In seinem Fazit forderte Prof. Müller eine größere
Kostentransparenz und wies dabei auch auf sehr unterschiedliche
Beurteilungsansätze und Interessen der an der Interaktion
Beteiligten hin. Berufsgruppenbezogene Interessen stünden dabei
ebenso in Spannung zum Organisationsinteresse des Trägers wie
zum Interesse des Patienten.
Zur Beurteilung der ideologischen Diskussion sei die Untersuchung der
Lebensbedingungen des Individuums in seiner Umwelt bedeutsam
Modernisierung kirchlicher
Caritas, wohin geht der Druck heute?
In einem zweiten Schritt des
Tagesthemas bildete der Vortrag von Dr. Hejo Manderscheid,
Diözesan-Caritasdirektor des Bistums Limburg die Schnittstelle
zwischen wissenschaftlichem Teil und Praxisteil der
Veranstaltung.
Er erlebe einen großen Modernisierungsstau bei der Caritas,
eine defensive Modernisierung, die auf Erhaltung des status quo
abziele. Wichtig sei dagegen die Ökonomisierung der
Sozialarbeit, die fachliche Reform der Caritas.
Die Grundposition "alles was Caritas macht, ist
gut" erlebe die Ökonomisierung als Bedrohung, eine Diskussion
über die Humanisierung humanitärer Einrichtungen werde
nicht geführt. Die Ökonomiedebatte entlaste den fachlichen
Diskurs über gute und schlechte soziale Arbeit. Eine
Steuerungsdebatte müsse im Kontext diskutiert werden, sie
fördere Transparenz. Die Ökonomiedebatte gehe einher mit
der Kundendebatte zum Schutz der Kunden.
Die Selbstüberprüfung der traditionellen eigenen Arbeit sei
Teil der Problemlösung, weil die Verfestigung des eigenen
Ansatzes auch das Problem verfestige. Ökonomisierungssdruck
entstehe durch steigende Kosten und sinkende Problemlösung, es
stelle sich die Frage, wie solch ein Ökononomisierungsdruck sich
in Modernisierungsdruck umwandeln lasse. Dabei müsse man auch
den Anteil der Sozialarbeit selbst am Ökonomisierungsproblem
untersuchen.
Im Kontext von Kultur und Umwelt baute Dr. Manderscheid eine
Wechselbeziehung zwischen den Faktoren "Strukturen, Finanzen,
Personal und Konzepten" auf, diese Wechselbeziehung bestehe zwischen
allen vier Komponenten.
Problemlösung der Caritasarbeit geschehe derzeit durch
Symptombehandlung, je mehr jedoch an Symptom gearbeitet werde, desto
geringer werde die Fähigkeit, Probleme grundsätzlich zu
lösen. Die umfangreiche Diskussion in der Caritas der 70er Jahre
habe Probleme zum Teil bis heute nicht gelöst.
Ergebnis sei ein großer Modernisierungsstau, der nun
abgearbeitet werden müsse, denn was heute verteidigt würde,
seien die Problemlösungen von gestern. Die Frage der
Angemessenheit dieser Lösungen stehe an, es gebe neue
Problemlösungsansätze, eine neue Denke gegen neoliberale
Tendenzen.
In diesem Zusammenhang stelle sich die Frage, was Sparpolitik bewirke
und ob sie auch zu Qualitätsverbesserungen führen
könne?
Sparpolitik wirke kontraproduktiv, wenn sie von einer
"Opfermentalität" beherrscht sei; eine solche Mentalität
erzeuge Abwehr und Festhalten am status quo und sei wenig
innovativ.
Dr. Manderscheid zeichnete den Modernisierungsprozess als Eisberg,
dessen Spitze die ganzen Ökonomisierungsdiskussionen bildeten,
unter Wasser befänden sich jedoch weitgehend
unberücksichtigt die ganzen Identitätsfragen mit allen
Facetten und Ängsten. Eine neue Denke vernichte keine
Arbeitsplätze, sondern biete sogar die Chance, neue
Arbeitsplätze zu schaffen. Im Prozess der Neuorientierung
würde derzeit auch die hohe Kompetenz der Kunden für die
eigene Diskussion nicht genutzt.
In seinem Ausblick forderte Dr. Manderscheid die Benennung aller Probleme und eine offene Diskussion darüber; diese müsse auch betriebsintern geführt werden. Noch gebe es große Defizite des Caritas "Konzerns" im Bereich der eigenen Forschungs- Entwicklungsabteilung; die Behebung dieser Defizite könne eine Neuorientierung unterstützen.
Praxisreflexion auf
unterschiedlichen Anspruchsebenen
Erfahrungen vor Ort, Welche Veränderungen sind spürbar? Wo
geht die Reise hin?
Dr. Georg Rüter
Geschäftsführer der St. Franziskus Hospital GmbH Bielefeld
betrachtete das Thema aus Sicht der Führungsebene.
Er analysierte den Sozialstaat in einer Umbruchsituation. Er erlebe
eine Regulierungsspirale mit Bürokratie fast ohne Ende und
forderte die Deregulierung als Konsequenz der Globalisierung.
Der bisherige Zustand im Krankenhausbereich sei von
Krankenhausplanung, Dualer Krankenhaus-Finanzierung und
Selbstkostendeckungsprinzip von 1972-93. Die sektorale Trennung des
Systems habe zur Kostenexplosion geführt.
Die Reformversuche der letzten Zeit hätten sich vor allem in
Kostendämpfungsgesetzen, Regulierungen und Reformhektik
niedergeschlagen.
Ein Aufbruch sei notwendig, das Staatsgesundheitswesen müsse einem marktwirtschaftliches Gesundheitswesen weichen. Dieses bedeute zwar weiterhin Versicherungspflicht für Krankheitskosten, einhergehen damit müsse jedoch der sukzessive Ausbau der Kundensouveränität. Dazu müssten alle Anbieter gleiche Startchancen erhalten, es dürfe keine staatlichen Innovationsbehinderungen mehr geben. Dies führe in Konsequenz zu mehr Qualitäts- und Preiswettbewerb und sei darüber hinaus eine Chance für die Profilierung besonderer Eigenschaften.
Dr. Rüter beobachte zwei Entwicklungswege des Gesundheitssystems - der Weg zur Marktwirtschaft oder zum gedeckelten Globalbudget. In beiden Fällen hätten die Kunden keinerlei Interesse an Kostenproblemen der Anbieter. Für ein Marktsystem könnten Tarifverträge nicht mehr relevant sein; dies betreffe in gleichem Maße die AVR. Marktdruck und Kundenorientierung seien ja nicht unchristlich, die derzeitige Lohngestaltung behindere angemessene Reaktionen auf den Markt. Das Gesundheitswesen leide unter den Problemen des öffentlichen Dienstes; dort sei Mitarbeiterversorgung gegenüber Kundenorientierung vorrangig, die Finanzierung werde durch Zwangssabgaben oder Schulden gesichert. Der Kündigungsschutz wirke leistungsbremsend, der Krankenstand sei dort auf Rekordniveau. Als Beispiele von Fehlentwicklungen bezeichnete Dr. Rüter die neofeudale Privilegierung von Akademikern; weiterhin das System der Bewährungs- und Zeitaufstiege, das System der Dienstalterstufen (mit Gehaltssteigerungen bis zu 81 % in ihrem Verlauf) sowie das Ortszuschlagwesen. Diesem ganzen System sei eine Bewertung nach Leistungskriterien völlig fremd. Die Art des Vortrags von Dr. Rüters stand in plastischer Übereinstimmung zu seiner Denke.
Die passende Ergänzung hierzu leistete Dr.
Günter Clausen, Mitarbeitervertreter in der Arbeitsrechtlichen
Kommission (AK) des Deutschen Caritasverbandes. Planungen und
Entwicklungen seien für die Beschäftigten nicht
transparent, das unreflektierte Kostenargument schaffe Verwirrung. Er
beobachte bei dem steigenden Druck der letzten Jahre Resignation,
Hoffungslosigkeit und selbst-reflexive Gedanken depressiver Art bei
den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ängste würden
formuliert, Existenz- und Zukunftsängste. Ängste
blockierten das Handeln, das Wir-Gefühl gehe verloren.
Dr. Clausen verwies in einem Rückblick auf die Ergebnisse des
AVR-Reformausschusses, der als Denkschmiede die ganze Bandbreite des
BAT unter möglicher Einbeziehung der betrieblichen Ebene
diskutiert habe. Folge seien erste Öffnungsklauseln in den AVR
gewesen.
Diese seien jedoch auch der Kritik der Mitarbeiterseiteseite
ausgesetzt, die solche Klauseln als Benachteiligung gegenüber
dem BAT empfanden.
In einem Ausblick auf die nächsten 4 Jahre Amtszeit der AK verwies Dr. Clausen zunächst auf strukturelle Probleme des Dritten Weges. Man dürfe nicht vergessen, dass Dienstgeber wie Dienstnehmer bei Caritas ja beide abhängig beschäftigt seien; ein Instrumentarium, selbständig neue Wege zu gehen, fehle. Bislang sei in dem Gremium wenig Streit- und Konfliktkultur entwickelt. Inhaltlich wolle man an AVR flächendeckend weiterarbeiten, Modellprojekte sollten neue Ideen prüfen; der materielle Teil des BAT dürfe dabei in dieser Phase grundsätzlich nicht angetastet werden. Für eine Zukunftsfähigkeit müssten auch Möglichkeiten der Entwicklung von der Dienstgemeinschaft zu einer Eigentümergemeinschaft in sozial-caritativen Einrichtungen geprüft werden. Ein partizpatorischer Führungsstil könne in eine partizipative Beteiligung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einmünden. Gemeinsame Verantwortung bedeute dann auch gemeinsames Risiko – "wenn schon Dienstgemeinschaft, dann richtig". So könne die vielbeschworene Dienstgemeinschaft Akzente setzen und den Dritten Weg für Zukunft flott machen. Für Dr. Clausens sei ein reformierter Dritter Weg eine gangbare Option; die Alternative wäre der Zweite Weg mit allen Konsequenzen.
Aus der Sicht der Betroffenen (-Kunden-) Ebene sprach Dr. Till Bastian, Mediziner und Schriftsteller in einem sehr unterhaltsamen Vortrag. Allen Beteuerungen nach sei der Kunde – auch im Gesundheitswesen – König. Seiner Beobachtung sei jedoch der Kunde in der Rolle des "Narrenkönigs"; eine Anspielung auf einen mittelalterlichen Brauch, bei dem irgendein armer Schlucker in der Fastnachtszeit auf den Narrenthron gesetzt und völlig verwöhnt worden sei – an Aschermittwoch habe man ihn dann aufgehängt!
Der enger gewordener Markt bedinge
Serviceverbesserung für den Kunden; man habe jedoch das
Gefühl, dass dieser verbesserte Service sich allerdings
hauptsächlich auf Unterkunft und Verpflegung, nicht aber auf die
Behandlung konzentriere. Immer noch sei die Behandlung stark durch
das Eigeninteresse des Arztes geprägt, vor allem auch im
finanziellen Bereich. Der Kostendruck im Gesundheitswesen komme von
den Anbietern, nicht von den Kunden. Das Medizinsystem der Gegenwart
habe auf Kundenseite Unbehagen hervorgerufen; technischer Fortschritt
dürfe nicht alles sein, das Fehlen menschlicher Begleitung sei
eine echte Dienstleistungslücke. Die Heilungserwartungen der
Kunden seien noch nie so allmächtig gewesen wie heute.
Gleichzeitig sei die Zahl der Anbieter, die dem hilflosen Kunden
gegenüberstehen, noch nie so groß gewesen. Und noch nie
war die Bereitschaft des Kunden, den Anweisungen des Arztes zu
folgen, so gering. Im Gegensatz zu vielen anderen Bereichen gebe es
eine echte Verbraucherberatung im medizinischen Bereich nicht.
Mehr Markt bedeute nicht automatisch mehr Stabilität.
Deregulierung und Vielzahl der Anbieter suggeriere dem Kunden mehr
Macht; in Wirklichkeit sei das Gegenteil der Fall. Es bestehe eine
Tendenz zunehmender Entmündigung des Kunden.
Sozialethische Neu-Orientierung
kirchlich sozialer Dienste
Optionen verbandlicher Caritas im Streit um die Zukunft sozialer
Dienste
Unter dem Stichwort "Herausgeforderte
Caritas" beschrieb Prof. Dr. Dr. Karl Gabriel als letzter Referent
die Position der Caritas in Deutschland. Sie reiche wie keine andere
Organisation in die gesellschaftlichen sozialen Systeme hinein. Ihre
ökonomische Bedeutung wachse, sie trete unter anderem bundesweit
als verbreiteter Krankenhausträger, zunehmend mit
Konzerngröße, auf. Caritas sei der organisierte Teil
diakonischen Handelns der Kirche in verbandlich organisierter Form.
Damit bilde sie eine intermediäre Ebene des Deutschen
Wohlfahrtssystem, die gleichzeitig in die Herausforderungen der
Kirche eingebunden sei.
Der Standort verbandlicher Caritas liege im
Spannungsfeld von Staat, Markt, Familie und Kirche, stellte Prof.
Gabriel fest. Sie könne und dürfe sich dabei nicht nur
einem bestimmten Bereich in diesem Spannungsfeld zuordnen, eine
eigene Position in diesem Spannungsfeld zu finden, sei eine
schwierige Aufgabe. Caritas habe Vermittlerrolle und
Brückenfunktion. Die Entwicklungen der 70er und 80er Jahre
stagnierten und würden derzeit politisch bewusst unter
Marktdruck gesetzt. Sie befinde sich in einer prekären
Identitätssuche, Aufgabenfeld Caritas konzentriere sich
zunehmend auf schwer lösbare soziale Probleme, da der Staat sich
verstärkt ökonomisch orientiere und eigene soziale
Verantwortung zurückstelle. Der Markt privater Anbieter lehne
eine Übernahme nicht rentabler Aufgaben für sich ab.
Die Caritas bilde in steigendem Maße einen zentralen,
spezifischen Konkretionsraum christlichen Glaubens im genannten
Spannungsfeld. Zur Bewältigung dieses Spagats müsse die
Verbindung von Professionalität und Religiosität, Grundlage
caritativen Handelns sein.
Sieben Optionen und Handlungsperspektiven
verbandlicher Caritas bildeten den Ausblick von Prof. Gabriel in die
Zukunft:
1. Option für die Erhaltung und Förderung der
Sozialkultur
2. Option für den Vorrang von Person und sozialer
Interaktion
3. Option für eine anwaltliche Politik und für die Einheit
von Anwaltschaft und Dienstleistung
4. Option für eine vorrangige Stärkung der
Handlungspotentiale der Betroffenen
5. Option für die Vermittlung zwischen lebensweltlicher
informeller Hilfe und dem formellen Hilfesystem als Zwischenebene von
Markt und Staat und familialem System
6. Option für die Förderung und Entwicklung gemeindlicher
Caritas
7. Option für eine Kultur des Umgangs mit dem
Unverfügbaren. Krankenhaus als großes Laboratorium zur
Erweiterung der Verfügbarkeit über das Leben = das moderne
Krankenhaus ist wie keine andere Institution durch eine Kultur der
Verfügbarkeit geprägt, die kleine Unverfügbarkeiten
der Lebenskonzeptionen in den Blick nehmen, Kultur des Umgangs mit
dem Unverfügbaren muss ins Zentrum des Handels im Krankenhaus
gelangen, Mitarbeiter dürfen dabei in der spirituellen Dimension
ihrer Arbeit nicht alleingelassen werden
Fazit der Veranstaltung: eine inhaltlich sehr
dichte, hochinteressante Informations- und Bewertungsflut fand das
konzentrierte Interesse der TeilnehmerInnen. Die Kommende hat mit
dieser Veranstaltung ein wichtiges Zeichen gesetzt, das unbedingt
einer Weiterführung bedarf. Wie so oft – hätte auch hier
mehr Würze in der Kürze der Vorträge gelegen, der
breite Erfahrungshorizont der in ihren Bereichen durchweg
hochkompetenten TeilnehmerInnen kam entschieden zu kurz. GD
Herausgegeben vom Vorstand der BAG-MAV · Postfach 25 · 77949 Ettenheim · Tel 07822/4762 · Fax 07822/896195 und Wolfgang Becker-Freyseng · Caritasverband München-Freising · Hirtenstr. 4 · 80335 München · Postfach 201143 · 80011 München · Tel 089/55169-405 · Fax 089/55169-402