Bundesarbeitsgemeinschaft der Mitarbeitervertretungen
im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz

 

BAG-Info


Nr. 43 · März 2000

Neoliberalismus als Leitbild für kirchliche

Innovationsprozesse?

Arbeitgeberin Kirche unter Marktdruck

Eine Tagung der Kommende Dortmund in Kooperation mit dem Herausgeberkreis "Studien zur christlichen Gesellschaftsethik"
Der ökonomische Druck auf die Anbieter sozialer Dienste bei Kirche, Caritas und Diakonie nimmt zu. Einerseits wachsen die angebotenen Möglichkeiten der medizinischen und pflegerischen, erzieherischen und beratenden Dienstleistungen; zugleich wachsen auch Bedarf und Nachfrage. Andererseits wurden die finanziellen Transferleistungen für diesen Bereich "gedeckelt" oder zurückgefahren; gleichzeitig steigt in gewinnträchtigen Teilbereichen die Zahl privater (Billig-) Anbieter. Es entsteht eine doppelt verschärfte Konkurrenzsituation.
Dieser Ausgangspunkt führte rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wissenschaft, Einrichtungsleitung und Mitarbeitervertretung zu einer inhaltlich dichten Tagung mit verschiedenen Betrachtungsebenen in die Kommende nach Dortmund zusammen.

Für den Veranstalter zeichnete zu Beginn Norbert Zöller das Bild der Reduktion der Frage nach der Zukunft kirchlich-caritativer Betriebe auf eine zunächst rein innerkirchliche Spar-Diskussion. Die Lösung werde oft in einem mehr oder weniger pragmatischen Reagieren auf die Veränderungen der finanziellen Rahmenbedingungen kirchlich caritativer Institutionen mit dem Neoliberalismus gesehen. Der Sozialstaat, die öffentliche Hand wie auch die intermediären Anbieter öffentlicher Güter verbrauchten zuviel; durch fehlende Zielführung, bürokratische Hemmnisse seien die Dienste ineffizient, teuer, rationalisierungs- flexibilisierungs- und innovationsfeindlich. Tarifverträge, Mitarbeiterbeteiligungs- und Konsenszwänge hemmten Effizienz und Kostensenkungsbemühungen und verhinderten notwendige Flexibilisierung und Deregulierung als Motoren des produktiven Wettbewerbs und der internen Innovationsbereitschaft. Öffentliche Güter wie soziale Dienstleistungen seien nach diesem Ansatz in der Hauptsache Waren wie jede anderen; ihre marktmäßige Bereitstellung sei einer öffentlichen prinzipiell überlegen.
Für Zöller engten die unreflektierte Hinnahme dieser marktradikalen Voraussetzungen für die kirchlich-caritativen Verbände sowohl die sozialpolitische Diskussions- und Widerspruchsfähigkeit, die innerbetrieblichen Möglichkeiten der Kooperation und des Interessensausgleichs als auch die Erfüllung ihrer Aufgaben nach ihren eigenen christlich-caritativen Grundsätzen ein.

Die Inszenierung neoliberaler Modernisierungskonzepte als Leitbilder gesellschaftlicher Wohlfahrt für das 21. Jahrhundert
In einer kritischen Analyse befasste sich in der Folge Prof. Dr. Rudolf Hickel, Universität Bremen mit der Restrukturierungs- und Innovationsdiskussion innerhalb der (Wohlfahrts-) Ökonomie.
Das herrschende, übermächtige Paradigma unserer Zeit sei der Neoliberalismus. Dieses Paradigma sei zukunftsbelastend und trüge zum Werteverfall der Gesellschaft bei. Es finde ein tiefgreifender Umbruch in der Gesellschaft statt, die Gleichsetzung des Begriffs der Modernisierung mit neoliberalistischen Strukturen sei als Trend auch in der Regierungspolitik erkennbar.
Für Prof. Hickel ist der Neoliberalismus zutiefst unchristlich. Märkte trügen sehr starke Zerstörungstendenzen in sich und müssten deshalb politisch gestaltet werden. Das beinhalte die konjunkturelle ebenso wie ökologische Gestaltung.
Der Neoliberalismus in Deutschland beinhalte die totale Ausrichtung der Gesellschaft an den Marktsystemen; er gehe davon aus, dass immer, wenn es in der Gesellschaft Probleme gebe, zu wenig Markt stattfinde. Märkte zu deregulieren führe nach dieser Theorie immer zur Selbstoptimierung des Systems.
Neoliberalismus und Neoklassik unterstellten die individuelle Entscheidungsmöglichkeit pro oder contra Arbeit, Markt reguliere sich durch die Lohnhöhe selbst. Arbeitslosigkeit sei freiwillig, denn wenn der Lohn zu hoch sei, habe jeder die Möglichkeit, durch Lohnverzicht den Arbeitsplatz zu erhalten.
Für Prof. Hickel stimmt dieses System jedoch nicht mit gesellschaftlicher Realität überein. Güter und Dienstleistungsmärkte seien nicht auf den Produktions-Arbeitsmarkt übertragbar. Für die große Mehrheit der Menschen sei eine Entscheidungssouveränität nicht gegeben, sondern es bestünde eine Abhängigkeit von vorhandenen Arbeitsplätzen. Wer mehr Entscheidungsfreiheit wolle, müsse gestaltend politisch regulieren. Regulierung im christlich-ethischen Sinne bedeute Schutz für die Mitarbeiter. Der Neoliberalismus dagegen reduziere menschliches Interesse und Verhalten auf ein theoretisches Muster zu Nutzenmaximierung.
Der Neoliberalismus trägt Selbstzerstörungspotentiale in sich, argumentierte Prof. Hickel weiter: Das Marktsystem führe zu Konzentration von Abhängigkeit und Macht, es erzeuge soziale Ungerechtigkeit aus sich heraus und führe zur sozialer Polarisierung.

Die Lösung des Problems könne eine politische Austarierung leisten; dazu sei die Stärkung des öffentlichen Sektors nötig. Die Kirchen müssten den Gegensatz von privatem Reichtum / und öffentlicher Armut herausstellen und aus ihrem Verständnis heraus gegensteuern. Das Opportunitätsprimat führe zur Zerstörung von Gesellschaftlichkeit und sozialen Beziehungen; dies bilde derzeit die größte Bedrohung der Gesellschaft. Nach Prof. Hickel hat Staat als Regulator versagt und damit zur Machtfestigung zum Zerfall Neoliberalismus beigetragen. Er entwickelte in der Folge die Alternative Vision nachhaltiger Wirtschaftsentwicklung unter Einbeziehung der Regeln des Marktes.
Ethisch verantwortetes Wirtschaften sei nötig, die Einbeziehung der Ökologie führe zum Neuumgang zwischen Mensch und Schöpfung als Zukunftsperspektive. Das Generationenproblem führe zu einer neuen Form des Klassenkampfes; ein intergenerativer Nutzen- Lastenausgleich könne hier gegensteuern.
Weiterhin müsse die Internationale Dimension berücksichtigt werden; dies mache eine Festlegung sozial-ökologischer Mindeststandards nötig. Die Regulierung des Arbeitsmarktes sei dringend geboten, da der Neoliberalismus zutiefst antichristlich sei.

Auswirkungen der Restrukturierungs- und Innovationsdiskussion innerhalb der (Wohlfahrts-) Ökonomie im kirchlichen Raum
Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach widmete sich im Anschluss den Auswirkungen dieser Restrukturierungs- und Innovationsdiskussion im kirchlichen Raum.
Er sprach dabei von einer Ökonomisierung der Dienstgemeinschaft, die sich in sozio-ökonomischen Herausforderungen äußere.
Der schlanke Staat übe Druck auf kirchliche Einrichtungen durch Deckelung von Sozialausgaben und fordere eine private Vorsorge. Durch die Privatisierungspolitik des Staates seien im Dritten Sektor Märkte entstanden, caritative Einrichtungen spürten verstärkt die Konkurrenz mit privaten Anbietern. Output orientierte Steuerungsmodelle bedingten Steigerung von Effizienz, Verdichtung von Arbeit sowie Kostensenkung und forderten neue Managementkonzepte.
Die Deutsche Einigung hätten zu einer Transferökonomie geführt, die Wohlfahrtseinrichtungen trotz mangelnder Akzeptanz durch die Bevölkerung privilegiert hätten. Durch die europäische Integration, drängten von außen Anbieter auf den Markt, nationale Einrichtungen hätten jedoch keine Möglichkeiten, sich auf diese Märkten zu bewegen. Auf europäischer Ebene herrsche Marktrecht, nicht Sozialrecht.

In einem zweiten Schritt seines Vortrags beleuchtete Prof. Hengsbach die Auswirkungen dieser Diskussion auf die Dienstgemeinschaft. Er stellte dabei die Erosion der Einheitlichkeit der Dienstgemeinschaft fest, die in verschiedenen Bereichen sichtbar würden.
Zunächst die arbeitsrechtliche Differenzierung zwischen verfasster Kirche und der Caritas;
die Öffnungsklauseln in den AVR im materiellen Bereich führten zum Verlust des BAT als Lohnleitwährung und in Konsequenz zu einem Verlust der Dienstgemeinschaft.
Die Konzernbildung und der Übergang in private Rechtsformen ließen ebenfalls die Einheitlichkeit platzen.
Es würden sich derzeit eine Arbeitgeber-Koalition im caritativen Bereich bilden, ohne dass auf der Mitarbeiterseite entsprechende Strukturen gebildet seien.

Weitere Auswirkung sei in Konsequenz das Verdunsten der Kirchenautonomie; industrielle Rationalisierungsformen führten zwar zu steigender Effizienz nach industriellem Vorbild und zu Produktivitätssteigerung, im Dienstleistungsbereich käme jedoch dabei der Mensch immer kürzer.
Die Abkoppelung vom BAT mache eigenes Handeln nötig; bislang habe man gut von dem gelebt, was andere paritätisch verhandelt hätten, die kirchlichen Gremien hätten abgeschrieben. Unter diesen Voraussetzungen werde bei einer Abkoppelung die bisherige Geschäftsgrundlage für die Mitarbeiterseite in steigendem Masse fragwürdig, da ein Interessensausgleich nicht mehr vorhanden sei. Die Verlagerung der "Tarifautonomie" in kirchlichen Einrichtungen auf die Betriebsebene sei höchst gefährlich, da aus der traditionellen Entwicklung des kirchlichen Arbeitsrechts heraus die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf diese Anforderungen nicht vorbereitet seien; sie bildeten somit eine Gefahr für den innerbetrieblichen Frieden.

In einer abschließenden sozialethischen Reflexion formulierte Prof. Hengsbach vier Aufgaben für die Kirche:
Eine Ethik personennaher Dienste durch direkte Kooperation zwischen Kunden und Anbieter.
Eine Ethik der Dienstgemeinschaft durch die Einbettung religiösen und sozialen Engagements in die eigene Identität.
Eine Ethik der Kirchenautonomie, Art. 140 GG sei anachronistisch in der pluralen Gesellschaft.
Eine Ethik der Tarifautonomie – in den kirchlichen Gremien sei keine Parität vorhanden, die Tarifautonomie habe ausgleichende Funktion zwischen den Interessen.

Thema "Neoliberale Dienstleistungsreform und die Modernisierung kirchlicher Caritas"
Der zweite Tag der Tagung beschäftigte sich mit dem Thema "Neoliberale Dienstleistungsreform und die Modernisierung kirchlicher Caritas"
Prof. Dr. med. Rainer Müller von der Universität Bremen entdeckte Widersprüche zwischen gesundheitswissenschaftlichen Erkenntnissen und politischer Spardiskussion. Im Gegensatz zum System des "public health" im angelsächsischen Bereich bestehe bei uns ein individueller Gesundheitsanspruch.
Er setzte sich mit dem Begriff der Kostenexplosion im Gesundheitswesen auseinander und bezeichnete diesen Begriff als Erfindung, um eine ideologische Diskussion über das Sozialsystem anzuregen. 1984 – 1999 seien rund 10 % des Bruttosozialprodukts für die gesamte medizinische Versorgung ausgegeben worden, in diesem Zeitraum zwar ansteigend, aber nicht in Form einer Kostenexplosion. Die Verringerung der Zahl Beitragszahler im Bereich der gesetzlichen Krankenkassen habe Beitragserhöhungen zur Folge gehabt; eine Dramatik in der Gesamtschau des Sozialversicherungs-Beitragsanstieg im Zusammenhang der Standortfrage Deutschland sei jedoch nicht gegeben.
Die Ausgaben könnten sogar noch steigen, nicht zuletzt auch unter beschäftigungspolitischen Aspekten; auch eine "sprechende Medizin" in Form einer verbesserten Kommunikation von Behandler und Patient könne sich vielleicht sogar kostensparend auswirken.
Auch durch demographische Entwicklung erfolge kein dramatischer Kostenanstieg, die Frage sei vielmehr, wann Kosten entstünden. Nicht das Alter sei nach entsprechenden Untersuchungen kostentreibend, sondern die Nähe zum Tod; 28 % der gesamten Kosten pro Person entstünden im letzten Jahr vor dem Tod.
Prof. Müller beklagte die fehlende Transparenz der Gesundheitsentwicklung. Für die Beurteilung einer Spardiskussion seien Verteilungsfragen auf eine bestimmte Inanspruchnahme medizinischer Leistungen wichtig. Es sei nicht gesichert, dass medizinisch / technischer Fortschritt in der Restrukturierung des Lebens kostentreibend wirke.
Die Frage von Versorgung / Überversorgung / Unterversorgung sei kein Wissensproblem, sondern ein Organisationsproblem, das eine Optimierung der Schnittstellenproblematik zwischen allen an der Interaktion Beteiligten verlange. Die Selbstbeteiligung an Kosten , also die Privatisierung von Kosten in erheblichem Anteil durch private Haushalte, führe ebenso zu Reserven wie das Thema Rationierung versus Rationalisierung im Bereich der Arzneimittel – hier bestünden ebenfalls noch große Umverteilungsreserven. Die Stärkung von Prävention, Rehabilitation und Bewusstseinsschaffung für eine Lebensstiländerung biete ein großes Einsparpotential im Vergleich zur Medikation des Patienten.
In seinem Fazit forderte Prof. Müller eine größere Kostentransparenz und wies dabei auch auf sehr unterschiedliche Beurteilungsansätze und Interessen der an der Interaktion Beteiligten hin. Berufsgruppenbezogene Interessen stünden dabei ebenso in Spannung zum Organisationsinteresse des Trägers wie zum Interesse des Patienten.
Zur Beurteilung der ideologischen Diskussion sei die Untersuchung der Lebensbedingungen des Individuums in seiner Umwelt bedeutsam

Modernisierung kirchlicher Caritas, wohin geht der Druck heute?
In einem zweiten Schritt des Tagesthemas bildete der Vortrag von Dr. Hejo Manderscheid, Diözesan-Caritasdirektor des Bistums Limburg die Schnittstelle zwischen wissenschaftlichem Teil und Praxisteil der Veranstaltung.
Er erlebe einen großen Modernisierungsstau bei der Caritas, eine defensive Modernisierung, die auf Erhaltung des status quo abziele. Wichtig sei dagegen die Ökonomisierung der Sozialarbeit, die fachliche Reform der Caritas.

Die Grundposition "alles was Caritas macht, ist gut" erlebe die Ökonomisierung als Bedrohung, eine Diskussion über die Humanisierung humanitärer Einrichtungen werde nicht geführt. Die Ökonomiedebatte entlaste den fachlichen Diskurs über gute und schlechte soziale Arbeit. Eine Steuerungsdebatte müsse im Kontext diskutiert werden, sie fördere Transparenz. Die Ökonomiedebatte gehe einher mit der Kundendebatte zum Schutz der Kunden.
Die Selbstüberprüfung der traditionellen eigenen Arbeit sei Teil der Problemlösung, weil die Verfestigung des eigenen Ansatzes auch das Problem verfestige. Ökonomisierungssdruck entstehe durch steigende Kosten und sinkende Problemlösung, es stelle sich die Frage, wie solch ein Ökononomisierungsdruck sich in Modernisierungsdruck umwandeln lasse. Dabei müsse man auch den Anteil der Sozialarbeit selbst am Ökonomisierungsproblem untersuchen.
Im Kontext von Kultur und Umwelt baute Dr. Manderscheid eine Wechselbeziehung zwischen den Faktoren "Strukturen, Finanzen, Personal und Konzepten" auf, diese Wechselbeziehung bestehe zwischen allen vier Komponenten.
Problemlösung der Caritasarbeit geschehe derzeit durch Symptombehandlung, je mehr jedoch an Symptom gearbeitet werde, desto geringer werde die Fähigkeit, Probleme grundsätzlich zu lösen. Die umfangreiche Diskussion in der Caritas der 70er Jahre habe Probleme zum Teil bis heute nicht gelöst.
Ergebnis sei ein großer Modernisierungsstau, der nun abgearbeitet werden müsse, denn was heute verteidigt würde, seien die Problemlösungen von gestern. Die Frage der Angemessenheit dieser Lösungen stehe an, es gebe neue Problemlösungsansätze, eine neue Denke gegen neoliberale Tendenzen.
In diesem Zusammenhang stelle sich die Frage, was Sparpolitik bewirke und ob sie auch zu Qualitätsverbesserungen führen könne?
Sparpolitik wirke kontraproduktiv, wenn sie von einer "Opfermentalität" beherrscht sei; eine solche Mentalität erzeuge Abwehr und Festhalten am status quo und sei wenig innovativ.
Dr. Manderscheid zeichnete den Modernisierungsprozess als Eisberg, dessen Spitze die ganzen Ökonomisierungsdiskussionen bildeten, unter Wasser befänden sich jedoch weitgehend unberücksichtigt die ganzen Identitätsfragen mit allen Facetten und Ängsten. Eine neue Denke vernichte keine Arbeitsplätze, sondern biete sogar die Chance, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Im Prozess der Neuorientierung würde derzeit auch die hohe Kompetenz der Kunden für die eigene Diskussion nicht genutzt.

In seinem Ausblick forderte Dr. Manderscheid die Benennung aller Probleme und eine offene Diskussion darüber; diese müsse auch betriebsintern geführt werden. Noch gebe es große Defizite des Caritas "Konzerns" im Bereich der eigenen Forschungs- Entwicklungsabteilung; die Behebung dieser Defizite könne eine Neuorientierung unterstützen.

Praxisreflexion auf unterschiedlichen Anspruchsebenen
Erfahrungen vor Ort, Welche Veränderungen sind spürbar? Wo geht die Reise hin?
Dr. Georg Rüter Geschäftsführer der St. Franziskus Hospital GmbH Bielefeld betrachtete das Thema aus Sicht der Führungsebene.
Er analysierte den Sozialstaat in einer Umbruchsituation. Er erlebe eine Regulierungsspirale mit Bürokratie fast ohne Ende und forderte die Deregulierung als Konsequenz der Globalisierung.
Der bisherige Zustand im Krankenhausbereich sei von Krankenhausplanung, Dualer Krankenhaus-Finanzierung und Selbstkostendeckungsprinzip von 1972-93. Die sektorale Trennung des Systems habe zur Kostenexplosion geführt.
Die Reformversuche der letzten Zeit hätten sich vor allem in Kostendämpfungsgesetzen, Regulierungen und Reformhektik niedergeschlagen.

Ein Aufbruch sei notwendig, das Staatsgesundheitswesen müsse einem marktwirtschaftliches Gesundheitswesen weichen. Dieses bedeute zwar weiterhin Versicherungspflicht für Krankheitskosten, einhergehen damit müsse jedoch der sukzessive Ausbau der Kundensouveränität. Dazu müssten alle Anbieter gleiche Startchancen erhalten, es dürfe keine staatlichen Innovationsbehinderungen mehr geben. Dies führe in Konsequenz zu mehr Qualitäts- und Preiswettbewerb und sei darüber hinaus eine Chance für die Profilierung besonderer Eigenschaften.

Dr. Rüter beobachte zwei Entwicklungswege des Gesundheitssystems - der Weg zur Marktwirtschaft oder zum gedeckelten Globalbudget. In beiden Fällen hätten die Kunden keinerlei Interesse an Kostenproblemen der Anbieter. Für ein Marktsystem könnten Tarifverträge nicht mehr relevant sein; dies betreffe in gleichem Maße die AVR. Marktdruck und Kundenorientierung seien ja nicht unchristlich, die derzeitige Lohngestaltung behindere angemessene Reaktionen auf den Markt. Das Gesundheitswesen leide unter den Problemen des öffentlichen Dienstes; dort sei Mitarbeiterversorgung gegenüber Kundenorientierung vorrangig, die Finanzierung werde durch Zwangssabgaben oder Schulden gesichert. Der Kündigungsschutz wirke leistungsbremsend, der Krankenstand sei dort auf Rekordniveau. Als Beispiele von Fehlentwicklungen bezeichnete Dr. Rüter die neofeudale Privilegierung von Akademikern; weiterhin das System der Bewährungs- und Zeitaufstiege, das System der Dienstalterstufen (mit Gehaltssteigerungen bis zu 81 % in ihrem Verlauf) sowie das Ortszuschlagwesen. Diesem ganzen System sei eine Bewertung nach Leistungskriterien völlig fremd. Die Art des Vortrags von Dr. Rüters stand in plastischer Übereinstimmung zu seiner Denke.

Die passende Ergänzung hierzu leistete Dr. Günter Clausen, Mitarbeitervertreter in der Arbeitsrechtlichen Kommission (AK) des Deutschen Caritasverbandes. Planungen und Entwicklungen seien für die Beschäftigten nicht transparent, das unreflektierte Kostenargument schaffe Verwirrung. Er beobachte bei dem steigenden Druck der letzten Jahre Resignation, Hoffungslosigkeit und selbst-reflexive Gedanken depressiver Art bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ängste würden formuliert, Existenz- und Zukunftsängste. Ängste blockierten das Handeln, das Wir-Gefühl gehe verloren.
Dr. Clausen verwies in einem Rückblick auf die Ergebnisse des AVR-Reformausschusses, der als Denkschmiede die ganze Bandbreite des BAT unter möglicher Einbeziehung der betrieblichen Ebene diskutiert habe. Folge seien erste Öffnungsklauseln in den AVR gewesen.
Diese seien jedoch auch der Kritik der Mitarbeiterseiteseite ausgesetzt, die solche Klauseln als Benachteiligung gegenüber dem BAT empfanden.

In einem Ausblick auf die nächsten 4 Jahre Amtszeit der AK verwies Dr. Clausen zunächst auf strukturelle Probleme des Dritten Weges. Man dürfe nicht vergessen, dass Dienstgeber wie Dienstnehmer bei Caritas ja beide abhängig beschäftigt seien; ein Instrumentarium, selbständig neue Wege zu gehen, fehle. Bislang sei in dem Gremium wenig Streit- und Konfliktkultur entwickelt. Inhaltlich wolle man an AVR flächendeckend weiterarbeiten, Modellprojekte sollten neue Ideen prüfen; der materielle Teil des BAT dürfe dabei in dieser Phase grundsätzlich nicht angetastet werden. Für eine Zukunftsfähigkeit müssten auch Möglichkeiten der Entwicklung von der Dienstgemeinschaft zu einer Eigentümergemeinschaft in sozial-caritativen Einrichtungen geprüft werden. Ein partizpatorischer Führungsstil könne in eine partizipative Beteiligung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einmünden. Gemeinsame Verantwortung bedeute dann auch gemeinsames Risiko – "wenn schon Dienstgemeinschaft, dann richtig". So könne die vielbeschworene Dienstgemeinschaft Akzente setzen und den Dritten Weg für Zukunft flott machen. Für Dr. Clausens sei ein reformierter Dritter Weg eine gangbare Option; die Alternative wäre der Zweite Weg mit allen Konsequenzen.

Aus der Sicht der Betroffenen (-Kunden-) Ebene sprach Dr. Till Bastian, Mediziner und Schriftsteller in einem sehr unterhaltsamen Vortrag. Allen Beteuerungen nach sei der Kunde – auch im Gesundheitswesen – König. Seiner Beobachtung sei jedoch der Kunde in der Rolle des "Narrenkönigs"; eine Anspielung auf einen mittelalterlichen Brauch, bei dem irgendein armer Schlucker in der Fastnachtszeit auf den Narrenthron gesetzt und völlig verwöhnt worden sei – an Aschermittwoch habe man ihn dann aufgehängt!

Der enger gewordener Markt bedinge Serviceverbesserung für den Kunden; man habe jedoch das Gefühl, dass dieser verbesserte Service sich allerdings hauptsächlich auf Unterkunft und Verpflegung, nicht aber auf die Behandlung konzentriere. Immer noch sei die Behandlung stark durch das Eigeninteresse des Arztes geprägt, vor allem auch im finanziellen Bereich. Der Kostendruck im Gesundheitswesen komme von den Anbietern, nicht von den Kunden. Das Medizinsystem der Gegenwart habe auf Kundenseite Unbehagen hervorgerufen; technischer Fortschritt dürfe nicht alles sein, das Fehlen menschlicher Begleitung sei eine echte Dienstleistungslücke. Die Heilungserwartungen der Kunden seien noch nie so allmächtig gewesen wie heute. Gleichzeitig sei die Zahl der Anbieter, die dem hilflosen Kunden gegenüberstehen, noch nie so groß gewesen. Und noch nie war die Bereitschaft des Kunden, den Anweisungen des Arztes zu folgen, so gering. Im Gegensatz zu vielen anderen Bereichen gebe es eine echte Verbraucherberatung im medizinischen Bereich nicht.
Mehr Markt bedeute nicht automatisch mehr Stabilität. Deregulierung und Vielzahl der Anbieter suggeriere dem Kunden mehr Macht; in Wirklichkeit sei das Gegenteil der Fall. Es bestehe eine Tendenz zunehmender Entmündigung des Kunden.

Sozialethische Neu-Orientierung kirchlich sozialer Dienste
Optionen verbandlicher Caritas im Streit um die Zukunft sozialer Dienste
Unter dem Stichwort "Herausgeforderte Caritas" beschrieb Prof. Dr. Dr. Karl Gabriel als letzter Referent die Position der Caritas in Deutschland. Sie reiche wie keine andere Organisation in die gesellschaftlichen sozialen Systeme hinein. Ihre ökonomische Bedeutung wachse, sie trete unter anderem bundesweit als verbreiteter Krankenhausträger, zunehmend mit Konzerngröße, auf. Caritas sei der organisierte Teil diakonischen Handelns der Kirche in verbandlich organisierter Form. Damit bilde sie eine intermediäre Ebene des Deutschen Wohlfahrtssystem, die gleichzeitig in die Herausforderungen der Kirche eingebunden sei.

Der Standort verbandlicher Caritas liege im Spannungsfeld von Staat, Markt, Familie und Kirche, stellte Prof. Gabriel fest. Sie könne und dürfe sich dabei nicht nur einem bestimmten Bereich in diesem Spannungsfeld zuordnen, eine eigene Position in diesem Spannungsfeld zu finden, sei eine schwierige Aufgabe. Caritas habe Vermittlerrolle und Brückenfunktion. Die Entwicklungen der 70er und 80er Jahre stagnierten und würden derzeit politisch bewusst unter Marktdruck gesetzt. Sie befinde sich in einer prekären Identitätssuche, Aufgabenfeld Caritas konzentriere sich zunehmend auf schwer lösbare soziale Probleme, da der Staat sich verstärkt ökonomisch orientiere und eigene soziale Verantwortung zurückstelle. Der Markt privater Anbieter lehne eine Übernahme nicht rentabler Aufgaben für sich ab.
Die Caritas bilde in steigendem Maße einen zentralen, spezifischen Konkretionsraum christlichen Glaubens im genannten Spannungsfeld. Zur Bewältigung dieses Spagats müsse die Verbindung von Professionalität und Religiosität, Grundlage caritativen Handelns sein.

Sieben Optionen und Handlungsperspektiven verbandlicher Caritas bildeten den Ausblick von Prof. Gabriel in die Zukunft:
1. Option für die Erhaltung und Förderung der Sozialkultur
2. Option für den Vorrang von Person und sozialer Interaktion
3. Option für eine anwaltliche Politik und für die Einheit von Anwaltschaft und Dienstleistung
4. Option für eine vorrangige Stärkung der Handlungspotentiale der Betroffenen
5. Option für die Vermittlung zwischen lebensweltlicher informeller Hilfe und dem formellen Hilfesystem als Zwischenebene von Markt und Staat und familialem System
6. Option für die Förderung und Entwicklung gemeindlicher Caritas
7. Option für eine Kultur des Umgangs mit dem Unverfügbaren. Krankenhaus als großes Laboratorium zur Erweiterung der Verfügbarkeit über das Leben = das moderne Krankenhaus ist wie keine andere Institution durch eine Kultur der Verfügbarkeit geprägt, die kleine Unverfügbarkeiten der Lebenskonzeptionen in den Blick nehmen, Kultur des Umgangs mit dem Unverfügbaren muss ins Zentrum des Handels im Krankenhaus gelangen, Mitarbeiter dürfen dabei in der spirituellen Dimension ihrer Arbeit nicht alleingelassen werden

Fazit der Veranstaltung: eine inhaltlich sehr dichte, hochinteressante Informations- und Bewertungsflut fand das konzentrierte Interesse der TeilnehmerInnen. Die Kommende hat mit dieser Veranstaltung ein wichtiges Zeichen gesetzt, das unbedingt einer Weiterführung bedarf. Wie so oft – hätte auch hier mehr Würze in der Kürze der Vorträge gelegen, der breite Erfahrungshorizont der in ihren Bereichen durchweg hochkompetenten TeilnehmerInnen kam entschieden zu kurz. GD
 

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